Paris, 7. August 1985:
Paris - was für eine Stadt. Leider auch teuer! Statt in die Jugendherberge zu gehen, wählten wir die billigere Variante: schlafen im Parc des Buttes Chaumment, ein öffentlicher Park, eingehüllt in Schlafsäcke und mit blauen riesigen Müllsäcken gegen den drohenden Regen. Im Park lagen wir dann mitten am Berg, auf der höchsten Höhe, mitten im Wind und zum Anblick aller Leute...Es war kalt und feucht, aber was sollten wir anderes tun? Unser Abendessen stand auch schon fest: Baguette und Gulaschsuppe aus Boris Rucksackküche.
Und was mir besonders fehlt ist eine Dusche. Ich fühle mich ziemlich dreckig. Zum Zähneputzen und notdürftig waschen geht's immer für ca. 2 FF aufs Bahnhofsklo im Gare d´ East. Wenigstens etwas oder?
Paris, 9. August 1985
Nach stundenlangem Anstehen im Louvre, dem Kunstgenuß der vielen Exponate war erst einmal ein Nickerchen unter dem Eifelturm fällig. .....
Wieder in unserem Park: diesmal bezogen wir unter Bäumen unseren Schlafplatz, Boris kochte wieder was Feines.
..... So um 22,30 Uhr wachten Claudia und ich auf. Boris und Tilman saßen in Kampf- und Lauerstellung mit einem Messer (!) bewaffnet in ihren Schlafsäcken. Wir bekamen zu hören, dass sich ein paar zwielichtige Typen herumtrieben und uns anscheinend ausspionierten! Da war es mit unserer Ruhe aus: wir hatten ziemlich Angst und wollten schon die Flucht anvisieren. Eingepackt in die regenfesten Müllsäcke lagen wir zwei da und horchten auf Geräusche. Das einzige Geräusch was immer mehr in der Dunkelheit zunahm, war das monotone Schnarchen unserer selbsternannten "Bewacher"...
Aufzeichnungen aus meinem ersten Reisetagebuch - meine erste große Tour. Interrail - für Schüler und Studenten für DM 400.- durch ganz Europa. Eine Reise mit dem Zug beginnend in Frankreich, weiter nach Spanien und wieder zurück nach Frankreich. Durch die Erzählungen eines anderen Interrailers hungrig geworden, planten wir die Reise um und reisten seinen Gleisen nach, mit dem Venezia Express durch das damalige Jugoslawien nach Griechenland. Weiter nach Italien. Chaotisch ja, aber Erfahrungen, Erlebnisse, Eindrücke in aller Fülle und niedergeschrieben als Momentaufnahmen in ein kleines Buch. Dazu viele kleine Zettel, Fahrkarten, Bildchen - alles was aufhebenswert erschien.
Reisen ist mehr als nur den örtlichen Wetterbericht zu studieren oder Andenken zu erstehen. Reisen verbindet. Jeder von uns reist auf die eine oder andere Art.
Haben Sie auch schon einmal darüber nachgedacht wie es wäre , wenn Sie Ihre eigenen Reiseerlebnisse niederschreiben würden? Der Gedanke ist nicht abwegig, weil reisehungrige Menschen dokumentieren, welchen Eindrücken, Empfindungen und Erfahrungen sie auf ihren Reisen begegnet sind. Und diese lebenden Reisen werden von noch viel mehr Personen gelesen.
Von Reisen zu berichten besitzt eine lange Tradition, die sich bis in die Antike zurückverfolgen lässt. Bereits 800 v. Chr. schuf der Grieche Homer seinen unsterblichen Helden Odysseus, der abenteuerliche Reisen quer durch das antike Kleinasien unternahm, immer verfolgt von Heras Zorn, beschützt durch seinen Vater Zeus. Herodot, Plinius und natürlich der Alexander-Roman reihen sich nahtlos ein.
Heldenlieder und die Reiseromane des frühen Mittelalters zeugen vom Mut und der Tapferkeit der Kreuzritter in den Kämpfen um den heiligen Kral und der Christenheit. Aus dem Bereich Seefahrergeschichten illuminieren Sindbads fantastische Meeresabenteuer und die rauhe Wikingersagas aus dem hohen Norden die literarische Reiseliteratur.
Mit der aufgehenden Aera der großen Entdecker wie Marco Polo, Vasco da Gama, Kolumbus oder Magellan entwickelte der Reisebericht eine besondere Note: nicht mehr der heroische Aspekt des Helden und des Geschehens stand im Vordergrund, sondern Geographie, Menschen, Fakten erzeugten in Akribie einen neuen Stellenwert: Reisen, um etwas zu erfahren und sich zu bilden. Allerdings beweist auch die Geschichte, dass den für die damalige Weltanschauung schillernden Berichten nicht unbedingt immer Glauben geschenkt wurde.
Die Neuzeit setzte den wissenschaftlichen Aspekt der Reiseliteratur fort. Darwin, Alexander von Humboldt, Sven Hedin und die dramatisch-spektakuläre Nordpol-Expedition Amundsons und Scotts brachten neben Wissen auch noch das Element Spannung ein.
Goethes Reise nach Italien öffnet dem Genre Reiseliteratur das Tor zur schöngeistigen Literatur und spiegelt das fließende Zusammenspiel zwischen Persönlich-Erlebtem und realen Fakten wider. Um eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen sind die bilderreichen Reiseerlebnisse von Bruce Chatwin exemplarisch:
"Es war nie ein Grund zur Sorge, den Reisepaß zu verlieren. Das Notizbuch zu verlieren, war dagegen eine Katastrophe." Bruce Chatwin
Auf die Frage, wodurch Chatwin zu seinem Tagebuch "Reise nach Patagonien" inspiriert wurde, gab er in den ersten Zeilen eine kleine Geschichte aus seiner Kindheit preis:
"Im Wohnzimmer meiner Großmutter stand ein kleines Schränkchen mit einer Glastür, und in dem Schränkchen befand sich ein Stück Haut."
Der kleine Bruce interessierte sich besonders für die verstaubte kleine Haut aus Argentinien und wollte wissen, was es sei. Die Antwort: es sei ein Fellteil von einem Brontosaurus. Seit seiner Kindheit beschäftigte ihn gerade dieses Stückchen Haut, was später einer Putzaktion zum Opfer fiel, so sehr, dass er später ganz Patagonien danach durchstreifte:
In Wahrheit stammte das Objekt der Begierde von einem Riesen-Faultier.
Bruce Chatwin erschuf eine neue Richtung der Reiseerzählungen: "In Patagonien" ist kein Reiseführer und kein konventioneller Reisebericht. Es ist das Reisetagebuch eines unermüdlichen Globetrotters, eines innerlich bebenden Forschers, eines neugierigen Reisenden, der mit allen Sinnen wandert.
Ein Reisetagebuch gibt Momentaufnahmen wieder: das Reisetagebuch ist ein Protokoll Ihrer persönlichen Eindrücke, Hindernisse und beeindruckender Augenblicke des Unterwegsseins. In dieser sehr intimen Publikation werden Skizzen, Bilder, Eintrittsbillets, Postkarten, getrocknete Blumen, Zeitungsausschnitte genauso vorzufinden sein wie Ihre ureigenen Worte.
Auf einer meiner eigenen Reisen habe ich mehrere dieser Reisetagebücher zusammengetragen. Ein facettenreiches Miteinander von Fakten, Daten, Informationen, dazwischen eigene Gedanken, Beschreibungen von Mitreisenden, Orten, Gerüchen, Gefühlen, Emotionen, Situationen - es sind keine Grenzen gesetzt.
Ein Reisetagebuch kann täglich geführt werden oder je nachdem wann Sie Lust danach haben. Die Lust am Schreiben ist allerdings nicht von Stimmungen abhängig - schreiben ist jederzeit möglich. Und gerade ein Reisetagebuch lebt von den vibrierenden Gefühlen des Momentes, des tobenden oder stillen Lebens um einen herum. Dabei spielt es keine Rolle ob Sie ein geübter Schreiberling sind oder nicht - Sie müssen einfach nur schreiben. Seien Sie Sie selbst und niemand anders! Davon lebt Ihr Reisetagebuch.
Van Gogh und Matisse hatten immer ein Notizbuch in der Tasche, Hemingway und Oscar Wilde ebenfalls.
Wann fangen Sie an ein Reisetagebuch zu schreiben?
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